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Talking Jimi Tenor

Jimi Tenor macht Klassik? Nein, er veredelt sie nur, genauer gesagt demokratisiert er sie. Verkopfte Originale der Avantgardekomponisten Boulez, Varese, Strawinsky oder Reich werden durch Jimis Interpretation auf einmal sehr zugänglich. Eine neue und drei Jahre währende Aufgabe des finnischen Warp-Querkopfs, der vor zehn Jahren mit „Take me Baby“ die Charts stürmte. Berührungsängste mit anderen Genres hatte der Finne noch nie – kein Wunder, genoss er doch eine insgesamt zwölfjährige Ausbildung an der Musikakademie. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass der Allroundmusiker und Multi-Instrumentalist an die von der Deutsche Grammaphon veröffentlichte Reihe Recomposed gesetzt wurde. Im September führte Jimi sein Werk schliesslich mit einem Orchester und zwei DJ’s in der Deutschen Oper in Berlin auf. Auf Universal ist es als Tonträger erhältlich.

Aber wer ist er, dieser Jimi Tenor, der eigentlich gar nicht Jimi Tenor, sondern ganz typisch finnisch Lassi Letho heißt. Das fand er aber extrem uncool und benannte sich dann im Nachnamen nach seinem Lieblingsinstrument, dem Tenor-Saxophon.
Der Vorname stammt vom 70er-Jahre-Popstar Jimmy Osmond, den er als Kind vergötterte. So weit, so unspektakulär. Und so geht es auch irgendwie erst mal weiter. Die Jazzakademie verlässt Lassi Letho eigentlich ein ganz cooler Name – zumindest für deutsche Ohren) mehr oder minder frühzeitig (zwölf Jahre sind ne lange Zeit) und gezwungener Maßen (will heißen: ohne Abschluss). Danach schlägt sich Lassi als Alleinunterhalter auf Hochzeiten durch. Erfüllung findet er zu dieser Zeit in einer finnischen industrialband, The Shamans, mit der er von 1989 bis 1992 einige Alben einspielt.
„Traurig, aber wenig überraschend: Das Rumhämmern auf leeren Ölfässern und anderem Krempel brachte nicht den erwünschten kommerziellen Erfolg“, sagt Lassi Letho rückblickend. Zeit, zu gehen. Nach New York. Hier, im Schmelztiegel der Nationen, nimmt Lassi Letho nicht am gesellschaftlichen Leben teil. Es wird berichtet, dass er sich in seinem Appartement einschließt, an billigen Synthesizern herumspielt und eigene Stücke zusammenbastelt. Asozial, möchte man denken.
Aber genau das bringt ihm den Durchbruch – als Techno- Artist, der von der englischen Presse als Gott gefeiert wird. Denn das finnische Sähkö-Label ringt sich dazu durch, die skurrilen Werke mit starken Industrial-Anleihen im Jahr 1994 zu veröffentlichen. Auf diesem ersten Album mit dem Titel „Säkömies“ ist auch „Take Me Baby“, das aber international keinerlei Beachtung findet. Noch nicht. Im Jahr 1996 veröffentlicht Lassi Letho sein zweites Album als Jimi Tenor, es trägt den Titel „Europa“ und zielt sehnsuchtsvoll auf die alte Welt, die auch die Heimat von Lassi Letho ist.

Er promotet sein Album unter anderem mit einem Live-Auftritt bei der Loveparade und spielt auch „Take Me Baby“, was ihm den Durchbruch in die Charts und einen Plattenvertrag bei Warp einbringt. Der Medienhype beginnt. Sein erstes Album bei Warp mit dem Titel „Intervision“ zieht alle Aufmerksamkeit auf sich und aufgrund seines Äußeren gilt der smarte Jimi Tenor als die Reinkarnation von Andy Warhol. 1999 folgte mit „Organism“ die konsequente Fortsetzung von Intervention mit einem Mix aus Soul, Jazz, und krudem Elektro, vereint zum unverwechselbaren Tenor-Sound. Nach seinem letzten Warp-Album „Out Of Nowhere“ (2000), kehrt Jimi Tenor zur Veröffentlichung von „Utopian Dreams“ (2001) wieder zu seinem Ursprungs-Label Säkhö zurück. Hier bringt er die Alben „Higher Planes“ (2003) und „Beyond The Stars“ (2004) heraus; nun im Jahr 2006 veröffentlicht Tenor im Auftrag der Deutschen Grammophon ein Album mit rekomponierten Stücken solch illustrer Komponisten wie Steve Reich, Oliver Messiaen, Erik Satie, Nikolai Rimsky-Korsakov, Pierre Boulez oder Edgard Varèse.
„Es sollte eine 50/50-Balance zwischen dem Original und meiner Musik geben. Die Auftraggeber wollten keinen radikalen Remix“, kommentiert Tenor das Geschehen auf dem Internet-Protal „Laut“.
Auf die Frage, ob er mit dem Material besonders vorsichtig umgehen musste, erklärt er im Welt-Interview: „Ja. Die noch lebenden Komponisten mochten die Idee überhaupt nicht, dass jemand mit ihren Stücken Schindluder treibt. Es sind ihre Kinder. Einer sagte: Remix bedeutet nichts anderes, als deine kleine Tochter in die Hände eines Vergewaltigers zu geben.“ Am 22.11. wird Jimi Tenor ungefähr 20 Minuten des Konzerts wird aus diesem Repertoire bestreiten.
Der Rest ist neues Material der im Oktober auf Sähkö erschienenen Sunshine E.P., dem neuen Meisterstück von Jimi Tenor, garniert selbstverständlich mit dem einen oder anderen zeitlosen Hit. 7 Mann auf der Bühne. Bass, Gitarre, Drums, Percussion, Trompete und Posaune plus Jimi der sich alleine am Saxophon, am Fender Rhodes, an der Flöte, diversen selbstgebastelten Kisten und singend am Mikrophon verlustiert. Ein Vollblutmusiker der uns wieder ein mal beweist wie aufregend, deep und inspirierend die musikalischen Universen jenseits von Electro, Disco und dergleichen sein können.

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